Transsexuell, der richtige Begriff?

Neues aus Forschung und Wissenschaft zum Thema Transsexualität

Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Lotty » 15. Jun 2017, 06:42

Transsexualität, Transident, Transgender, Transmensch, Trans*Person, Transgeschlechtlich, welcher Begriff passt für Menschen, bei denen die geschlechtlichen Körpermerkmale nicht zu ihrem eigenem Geschlecht passen, die das unumstößliche Verlangen verspüren diese Fehlbildung beheben zu lassen.

So mancher lehnt den Begriff Transsexuell, der eigentlich für dieses Phänomen genau richtig ist mit dem Argument ab, "das hat aber nichts mit Sexualität zu tun". Völlig richtig, Transsexualität hat nichts mit Sexualität zu tun. Andere Menschen lehnen den Begriff ab weil er im ICD 10 fälschlich als Geschlechtsidentitätsstörung bezeichnet wird.

Wenden wir uns einmal Magnus Hirschfeld zu, der den Begriff seelisch Transsexualität einführte. Im Jahre 1918 schuf er den Begriff Transvestitismus und dazu schrieb er "
Es ist dies der Drang, in der äußeren Gewandung des Geschlechtes aufzutreten, der eine Person nach ihren sichtbaren Geschlechtsorganen nicht zugehört. Wir haben diesen Trieb als transvestitischen bezeichnet, von trans entgegengesetzt und vestitus gekleidet, wobei wir gern zugeben wollen, daß mit diesem Namen nur das Augenfälligste der Erscheinung getroffen wird, weniger der innere rein psychologische Kern.
Wobei hier insbesondere dieser Teil interessiert "von trans entgegengesetzt und vestitus gekleidet". Übertragen wir dies auf den Begriff Transsexualität, so müssen wir uns im Latein Wörterbuch umschauen. Dort ist zu lesen Sexus = Geschlecht. Latein ist eine sehr alte Sprache und zu der Zeit als sie genutzt wurde, war Geschlecht untrennbar mit den Genitalien verbunden.

Was folgt daraus jetzt aber für den Begriff "Transsexualität"? Trans entgegengesetzt und Sexus Geschlecht im genitalen Sinn. Also entgegengesetzte Genitalien. Die Genitalien entsprechen nicht dem Geschlecht. Hirschfeld hatte also bereits Anfang des letzten Jahrhunderts begriffen was Transsexualität eigentlich ist. Die geschlechtlichen Körpermerkmale entsprechen nicht dem Wissen, welches wir über unser Geschlecht haben.

Nach heutigem Wissensstand ist die Idee Geschlecht an den Genitalien festzumachen nicht mehr haltbar, denn es ist nicht immer zutreffend (Inter- Transsexualität). Das Wissen um unser Geschlecht sollte man sich so vorstellen, dass ähnlich wie andere Wesenszüge (z.B. hektisch, mitfühlend) und Begabungen (z.B. musisch, sprachlich mathematisch) jeder Mensch ein konstitutionelles geschlechtliches Wesen besitzt. Diese Wesenszüge, die Begabungen und das geschlechtliche Wesen sind uns mitgegeben. Sie lassen sich durch die Umwelt fördern oder unterdrücken aber niemals erzeugen oder eliminieren.
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon spirulina » 15. Jun 2017, 12:58

Die Maßgabe,das Geschlecht an den Genitalien festzumachen halte ich für richtig,denn es ist leicht anzuwenden und mehr wie 90% der Menschen stimmen mit dem Ideal weitgehend überein ! Man kann doch nicht eine verschwindend kleine Minderheit zum Maßstab erklären !
Transsexualität oder wie man es auch sonst nennen mag gab es,seit es die Menschheit gibt und jetzt im 21 Jhdt.
soll das plötzlich alles verkehrt gewesen sein?
Wie kann man sich nur an einem Wortkonstrukt so aufarbeiten?
Viel wichtiger sehe ich die Weiterentwicklung der Behandlung und Früherkennung ,und da passiert letztlich sehr wenig .
Alles um die Begrifflichkeit "trans" wird mutwillig von versch. Gruppen verbrannt und es wird letztlich nur um des Kaisers Bart gestritten ! Denn an dem Phänomen "transsexuell" hat sich eigentlich nichts geändert,es wird nur ständig umetikettiert !
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon seerose » 15. Jun 2017, 13:24

spirulina hat geschrieben:Die Maßgabe,das Geschlecht an den Genitalien festzumachen halte ich für richtig,denn es ist leicht anzuwenden und mehr wie 90% der Menschen stimmen mit dem Ideal weitgehend überein ! Man kann doch nicht eine verschwindend kleine Minderheit zum Maßstab erklären !
Transsexualität oder wie man es auch sonst nennen mag gab es,seit es die Menschheit gibt und jetzt im 21 Jhdt.
soll das plötzlich alles verkehrt gewesen sein?
Wie kann man sich nur an einem Wortkonstrukt so aufarbeiten?
Viel wichtiger sehe ich die Weiterentwicklung der Behandlung und Früherkennung ,und da passiert letztlich sehr wenig .
Alles um die Begrifflichkeit "trans" wird mutwillig von versch. Gruppen verbrannt und es wird letztlich nur um des Kaisers Bart gestritten ! Denn an dem Phänomen "transsexuell" hat sich eigentlich nichts geändert,es wird nur ständig umetikettiert !

Wenngleich ich Spiru meistens zunächst einmal mißverstehe, hat sie doch auch hier mal wieder nicht ganz unrecht!
I.d.R. (wahrscheinlich eher in 99% aller Fälle) stimmen das overte Genitale und das derzeit nur subjektiv wahrnehmbare innere Geschlechtswesen überein, so daß "man" im allgemeinen nicht falsch liegt, Geschlecht am Genitale festzumachen. Deshalb sind ja originär transsexuelle Menschen (NGS) auch bestrebt, ihr Genitale durch die GaOP ihrem Geschlechtswesen anzupassen, um diese Eindeutigkeit und Stimmigkeit für sich herzustellen. Das genau unterscheidet sie von phänotypisch vermeintlich ähnlichen "Spielarten" der Natur und /oder der erfahrenen Sozialisation (Fehlprägung), die dann i.d.R. ja auch "ihrem" Genitalgeschlecht "treu bleiben"...
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Lotty » 15. Jun 2017, 14:28

Natürlich ist es in der Regel so, dass die Genitalien mit dem Geschlecht überein stimmen. Insofern sollte man bei einem Neugeborenem selbstverständlich das rechtliche Geschlecht anhand er Gentalien fest machen. Sind die Genitalien hingegen uneindeutig (Intersexualität) Finger weg und warten bis das Kind selbst sein Wissen um sein Geschlecht mitteilen kann. Solange kann man einen rechtlichen Geschlechtseintrag wählen der dem Genital am nächsten kommt.

Für uns Menschen mit originärer Transsexualität (NGS) ist es wichtig, das uns geglaubt wird wenn wir uns unseres Geschlechts bewusst werden. Wenn die Gesellschaft dann jedoch davon ausgeht das die angeborenen Genitalien das tatsächliche Geschlecht bestimmen, werden wir uns mit der Tatsache herumschlagen müssen, dass wir von so manchem als Umbauten betrachtet werden und das man z.B. statt von einer geschlechtsrichtigen Hormonversorgung von einer gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung redet.

Selbstverständlich ist es aber auch richtig dass zu einer Frau eben weibliche und zu einem Mann männliche Genitalien gehören, das ist aber nicht Vorgabe durch die Gesellschaft zu verstehen sondern als inneres Verlangen. Wer dieses Verlangen nicht verspürt, hat eine Genderthematik. Die Ideologie von der Vielfalt der Geschlechter meint die Vielfalt der Genders (Geschlechtsidentität / Geschlechtsausdruck). Für mich steht das gesschlechtliche Wesen mit dem Verlangen nach den zugehörigen Genitalien untrennbar miteinander in Zusammenhang. Es ist kaum vorstellbar das es ein Geschlechtliches Wesen gibt, welches sich ein Verlangen nach einem dritten oder wievielte Art an Gental verspürt und wenn, dann vielleicht unterhalb des Promillebereichs, gehört habe ich davon jedenfalls noch nie.

Transsexuell, Transident, Transtgender etc, als Geschlechter zu bezeichnen, wie die gelegentlich zu lesen ist, ist jedenfalls vollkommener Unsinn und zeugt von einer äußerst merkwürdigen genderqueeren Vorstellung von Geschlecht.
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Hera » 15. Jun 2017, 15:38

Für mich hat das ganze schon auch mit Sexualität zu tun, denn mit einem männlichen Körper konnte ich weder flirten/balzen, noch konnte ich meine Sexualität haben und mich auch nicht fühlen.

Für mein empfinden, was ich erlebt habe, gehört für mich mein ganzer Körper dazu. Oder flirtet irgendein Mensch mit seinen Genitalien? Ich jedenfalls nicht.
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon seerose » 15. Jun 2017, 16:20

Hera hat geschrieben:Für mich hat das ganze schon auch mit Sexualität zu tun, denn mit einem männlichen Körper konnte ich weder flirten/balzen, noch konnte ich meine Sexualität haben und mich auch nicht fühlen.
Für mein empfinden, was ich erlebt habe, gehört für mich mein ganzer Körper dazu. Oder flirtet irgendein Mensch mit seinen Genitalien? Ich jedenfalls nicht.

Ich "flirte" zwar nicht mit meinen Genitalien, benötige diese aber unumgänglich, um die von mir benötigte sexuelle Erfüllung als Frau mit einem Mann erleben zu können.
Körperliche Variationen gibt es innerhalb beider Geschlechter und geschlechterübergreifend in allen denkbaren Ausprägungen; Genitalien sind allerdings im "Idealfall" (stimmig) entweder männlich oder weiblich.
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Trischa » 16. Jun 2017, 11:37

Der Begriff Transsexuell mit seiner Vorsilbe "Trans-" hat m. E. weniger etwas mit einem "jenseits" oder "hinüber" gemein. Wenn diese Annahme, die ja auch inhaltlich weniger Sinn macht überall herumgeistert liegt das daran, weil in der heutigen Zeit nicht mehr kritisch geforscht oder gelesen sondern nur von einander abgeschrieben wird. Vielmehr bedeutet Trans- als Vorsilbe hier "Konträr" bzw steht in der "konträrsexuellen Tradition".

Mehr zu dem Thema z. B. hier:
http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servl ... EIL3-7.pdf
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Lotty » 16. Jun 2017, 13:26

Je nach Zusammenhang hat die Vorsilbe Trans verschiedene Bedeutungen. Geht es um die Frage zur Position, dann steht Trans für entgegen oder jenseits, geht es um eine Frage zum Weg, dann steht Trans für hinüber.

Hirschfeld hatte Trans jedenfalls im Sinne der Positionsbeschreibung genutzt, wie aus dem Zitat in meinem obigem Beitrag zu ersehen ist "von trans entgegengesetzt und vestitus gekleidet".
Quelle: http://magnus-hirschfeld.de/institut/theorie-praxis/zwischenstufen-4-sonstiger-seelischer-eigenschaften/
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Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Trischa » 16. Jun 2017, 14:16

Der Begriff "Transsexuell" geht nicht auf Hirschfeld zurück. Sondern er ist älter. Transsexuell ist eine Alliteration zu Konträrsexuell steht aber in einer evolutionsbiologischen Tradition in Abgrenzung zu Heterosexuell und Homosexuell. Dadurch, dass die schwul-lesbische Bewegung seit Hirschfeld Besitz von diesen evolutionsbiologischen Begriffen genommen hatte, um diese aber dann aber mit neuen Inhalten auszuschmücken und es auf dieser Basis eine Fülle an Quellen gibt, die für das heutige Halbwissen stehen, ist es heute schwer die Ursprünge nachzuvollziehen. Das gilt nicht nur für den Transsexualitätsbegriff sondern auch für den Bisexualitätsbegriff. Ob transsexuell ein richtiger Begriff ist, ist so, als ob man fragt ob "Homo Sapiens" ein richtiger Begriff ist oder "heterosexuell". Es ist wohl kein Zufall, dass Minderheiten unsichtbar gemacht werden, die Mehrheiten aber unhinterfragt bleiben. Es ist wichtig auf den Transsexualitätsbegriff zu bestehen, schon um nicht marginalisiert zu werden. Aber gerade das passiert ja momentan.
Trischa
 

Re: Transsexuell, der richtige Begriff?

Beitragvon Frank » 16. Jun 2017, 17:58

Hallo Trischa,

deine Zeilen lesen sich für mich so als wäre "Transsexuell" ein Begriff gewesen der eine andere Form der "sexuellen Orientierung" beschreibt - dies ist für mich absolut nicht Nachvollziehbar. Quellen gibst du aber auch keine an, von daher bleibt mir nur diese Aussagen mit der simplen Logik der Erfahrungen in Bezug zu setzen.

Und daraus ergibt sich für mich das der einzige Zusammenhang in Bezug zu Sexualität und Begehren darin liegt das der eigene Körper bzw. die eigene Geschlechtlichkeit nicht im Einklang mit dem steht was offensichtlich Körperlich (Primäre & sekundäre Geschlechtsmerkmale) vorhanden ist.
Im Bezug zum Begehren liegt also ein "Anderssein im Bezug zu dem als wer/was Mensch begehrt wird" vor.

Bisexuell ist da etwas gänzlich anderes, den es bezieht sich wie auch Hetero- oder Homosexualität auf die Ebene dessen wen Mensch begehrt.

Ironischerweise scheint dieses Begehrt werden aber ebenfalls ein Kernthema von Trans*Bezügen zu sein, wobei der Unterschied letztlich darin liegt das bei Transsexualität die Genitalien ( der wichtigste körperliche Aspekt beim Erleben von Sexualität) als Entgegengesetzt erlebt werden und einer Anpassung bedürfen, während dies bei Trans*Bezügen überhaupt kein Thema ist sondern dort ausschließlich die soziale Rolle eine Relevanz hat und gegengeschlechtliche Genitalien als "richtig/passend" erlebt werden.

Nachdenkliche Grüße,
Frank
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