Frühe Hormonbehandlung kann viel Leid ersparen

Neues aus Forschung und Wissenschaft zum Thema Transsexualität

Frühe Hormonbehandlung kann viel Leid ersparen

Beitragvon Lotty » 27. Mär 2015, 00:58

In der Rhein-Main vom 16.07.2007 gefunden
Gefangen im falschen Körper

Auch bei Kindern wird immer öfter Transsexualität diagnostiziert. Ein Frankfurter Psychiater hält es deshalb für sinnvoll, mitunter schon im Jugendalter Hormone zu verabreichen. Doch das ist umstritten.

Tanja Krienen war 36, als ihr Entschluss endgültig feststand. Sie wollte sich nicht länger verstecken, sondern sich offen und ungeniert ihren weiblichen Neigungen hingeben. Tanja hieß damals noch Thomas und hatte eine siebenjährige Ehe mit einer Frau hinter sich. Sie wusste, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Kinder und Jugendliche, sagt Krienen, wüssten das nicht. Ihnen Hormone zu verabreichen, weil sie sich im falschen Körper vermuten, hält sie für ein Verbrechen.

Deutschlandweit leben nach Schätzungen von Bernd Meyenburg, Leiter der psychiatrischen Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche mit Identitätsstörungen an der Uniklinik Frankfurt, 50 bis 100 Kinder und Jugendliche, die mit Hormonen behandelt werden. Je nach Alter sind das Stoffe, die die Pubertät aufhalten oder geschlechtsverändernd wirken.

Geschlechtsumwandlung erst nach der Volljährigkeit

Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie sahen in ihrer Fassung aus dem Jahr 2000 vor, eine geschlechtsumwandelnde Behandlung erst dann vorzunehmen, wenn der Patient volljährig ist. Inzwischen wurde diese Empfehlung gelockert: In eindeutigen Fällen kann eine hormonelle Therapie früher beginnen. Für operative Eingriffe gilt weiterhin: frühestens nach dem 18. Geburtstag.

Betroffene wie Tanja Krienen, Vorsitzende des 2006 gegründeten Zentralrats für Transsexuelle in Deutschland, müssten die Lockerungen eigentlich gutheißen. Wäre nicht ihr selbst auch vieles erspart geblieben, hätte sie sich schon in ihrer Jugend behandeln lassen können? „Ohne Zweifel, ja“, antwortet die Fünfzigjährige, die in Nordhessen lebt. Dennoch sieht sie die Entwicklung skeptisch. So skeptisch, dass sie gegen den Kinder- und Jugendlichenpsychologen Bernd Meyenburg Strafanzeige gestellt hat – wegen Kindesmisshandlung der anderen Art, wie Krienen es ausdrückt. Kinder könnten schließlich die Konsequenzen einer Geschlechtsumwandlung gar nicht abschätzen.

Bis vor einigen Jahren war auch Meyenburg strikt dagegen, transsexuelle Jugendliche mit Hormonen zu behandeln. Er setzte auf Psychotherapie und darauf, abzuwarten, was die Pubertät mit sich bringt. Oft konnten sich die Betroffenen nach und nach mit ihrem biologischen Geschlecht anfreunden, doch begegneten ihm auch Patienten, die „ganz schrecklich unter ihren Empfindungen leiden“, wie Meyenburg es ausdrückt. Und vor allem, deren Abneigung gegen ihr biologisches Geschlecht von klein auf vorhanden war. „Ich habe kleine Jungen gesehen, die sich seit sie sprechen konnten, wie Mädchen verhalten haben.“

„Frühe Hormonbehandlung kann viel Leid ersparen

Sie wollten ihr Haar lang und mit vielen Schleifen tragen, Kleidchen anziehen, mit Puppen spielen und in die Stöckelschuhe der Mutter schlüpfen. Solche Fälle seien selten, aber es gebe sie, da ist sich Meyenburg inzwischen sicher. Volkmar Sigusch, der ehemalige Leiter des heute nicht mehr existierenden Instituts für Sexualforschung an der Universität Frankfurt, zeigt sich ähnlich überzeugt. Nach 40 Jahren therapeutischer Erfahrung gebe es für ihn keinen Zweifel daran, dass ein Kind schon vor der Geschlechtsreife wissen könne, dass es im falschen Körper stecke. „Wenn man diese Patienten früh mit Hormonen behandelt, kann man ihnen viel Leid ersparen“, sagt Meyenburg. Zeigen sich erst einmal die Boten der Pubertät wie Bartwuchs, Stimmfall oder Kehlkopf, werde die Umwandlung komplizierter.

Was ist eigentlich aus diesem "Zentralrat für Transsexuelle in Deutschland" geworden? Im Netz ist eigentlich nichts davon zu finden. Die Vorsitzende Tanja Krienen scheint ja sehr aktiv zu sein. Gibt es diesen Zentralrat eigentlich wirklich oder war es nur ein Versuch?

Ich finde es wirklich sehr sinnvoll bereits in jungen Jahren und insbesondere bevor die Pubertät einsetzt bei gesicherter Diagnose mit der Hormontherapíe (Pubertätsblocker) zu beginnen. Sollen sich den erst die Geschlechtsmerkmale herausbilden die dann hinterher ein Leben lang belasten?

Aus der Berliner Morgenpost vom 31.Januar 2015
Wenn Kinder im falschen Körper geboren werden

"Nichts zu tun ist menschenverachtend"

Viele Kinder- und Jugendpsychiater halten es für verfrüht, bei Kindern überhaupt die Diagnose Transsexualismus zu stellen, und sprechen deshalb lieber von einer Geschlechtsidentitätsstörung. Sie warnen insbesondere vor einer frühen Gabe von Hormonen. Das könnte die normale psychosexuelle Entwicklung der Kinder stören. Andere halten es für falsch abzuwarten.

"Nichts zu tun" ist für den Hormonspezialisten für Kinder und Jugendliche Achim Wüsthof keine Option, sondern "menschenverachtend". Im Hamburger Endokrinologikum betreut er mehr als hundert transsexuelle Kinder und Jugendliche. Je zur Hälfte Transjungen und Transmädchen. Hat der behandelnde Kinder- und Jugendpsychiater bereits eine Transsexualität diagnostiziert, kann Zeit gewonnen werden – bis zu mehreren Jahren, indem die beginnende Pubertät von sogenannten Pubertätsblockern unterdrückt wird.

"So wird den Jugendlichen die Qual erspart, dass sich die unerwünschten Geschlechtsmerkmale ausbilden – eine Entwicklung, die dann später mit großem Aufwand und oft fragwürdigem Erfolg wieder rückgängig gemacht werden muss", sagt Wüsthof. Das jüngste Kind, das er bisher behandelt hat, war ein Transjunge von knapp zehn Jahren, bei dem die Brustentwicklung bereits eingesetzt hatte. Eine frühzeitige Behandlung hat in Wüsthofs Augen eindeutige Vorteile. Die äußerliche Angleichung an das Zielgeschlecht verlaufe problemlos und die Jugendlichen erlebten anders als ihre älteren Leidensgenossen keine Stigmatisierung.

Alles andere als harmlos

Kritiker einer Hormongabe im Kinder- und Jugendalter ist Alexander Korte von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Leitende Oberarzt beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit der Materie. Lange hat er mit Klaus M. Beier vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité zusammengearbeitet und gemeinsam mit den dortigen Kinder- und Jugendendokrinologen eine interdisziplinäre Sprechstunde für Kinder und Jugendliche etabliert.

Die Pubertätsblocker hält Korte nicht für harmlos. Studien an mehreren hundert jugendlichen Patienten weltweit hätten ergeben, dass die Behandelten nach Einnahme von Pubertätsblockern sich anschließend zu 100 Prozent auch für die Einnahme von gegengeschlechtlichen Hormonen entschieden. Wohingegen sonst nur zehn bis 20 Prozent der Kinder mit Geschlechtsidentitätsstörung diesen Weg wählten. Für Korte bedeutet das: Mit der Entscheidung für die Pubertätsblocker werden bereits die Weichen gestellt für die darauf folgenden, weiterreichenden Maßnahmen zum Geschlechtsrollenwechsel. "Auch, wenn die Mehrzahl der Transsexuellen schon in der Kindheit wusste, dass sie einem anderen Geschlecht angehören, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass alle Kinder mit Geschlechtsidentifikationsstörung auch eine transsexuelle Entwicklung nehmen", sagt er.

Hinter dem Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, können sich auch andere Gründe verbergen, etwa eine abgelehnte Homosexualität. Das zeigen verschiedene Langzeitstudien. 75 bis 80 Prozent aller Kinder mit ausgeprägter Geschlechtsidentitätsstörung werden später homosexuell. "Die eigene Homosexualität möchten sich viele nicht eingestehen, aus Angst vor Ausgrenzung und Anfeindung – selbst innerhalb der Primärfamilie", ist die Erfahrung von Klaus M. Beier von der Charité.

Ehrlich gesagt erzeugen die Argumente der Gegenstimmen bei mir ein trauriges lächeln. Wer Transsexualität am eigenem Körper erfährt, hat doch eine etwas andere Sicht auf die Dinge.

Liebe Grüße
Lotty
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Re: Frühe Hormonbehandlung kann viel Leid ersparen

Beitragvon spirulina » 27. Mär 2015, 07:30

Ganz egal,auf welcher Seite man steht,es ist immer indiziert,früh mit der gegengeschlechtlichen Hormongabe zu beginnen. Das ist letztlich auch nicht schädlich,da ja die Patienten das wollen und das Kollektiv sehr klein ist. Selbst wenn es sich später als falsch herausstellt -was äußerst selten ist -ich weiß von keinem Fall eines Rückumwandlungsbegehrens !
Man braucht als Mann keinen Bart und Brüste lassen sich chirurgisch entfernen und die Menschheit stirbt wegen ein paar vermeintlich Transsexuellen nicht aus.
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Re: Frühe Hormonbehandlung kann viel Leid ersparen

Beitragvon Ätztussi » 27. Mär 2015, 08:46

Ich fände es gut die Diskussion um "frühe Hormonbehandlung" und was ist aus Tanja Krienen und den "Zentralrat für Transsexuelle in Deutschland" geworden voneinander zu trennen.

Nun zu Tanja Krienen und dem "Zentralrat..."

Tanja Krienen ist eine Lautsprecherin und meint für alle Transsexuellen reden zu können. Dem ist in Wirklichkeit nicht so wie wir alle Wissen. Sie ist politisch dem rechten konservativen Spektrum zu zuordnen und hat versucht bei der Partei Kandidatin für die Bundestagswahl zu werden. Als die Mitglieder der Partei über die transsexuelle Vergangenheit von Tanja Krienen erfuhren wurde sie von der KandidatInnenliste gestrichen. Das war vorerst das politische Karriereende von Tanja Krienen bei der Partei.

Den "Zentralrat" gibt es nicht mehr. So wie ich gehört habe wurde sie als Vorsitzende abgewählt. Einzelne aus dem "Zentralrat" haben später die Realo SHG gegründet. So kurz dazu.
Transgender? Nein Danke!
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