Gedanken zum binären Geschlechtermodell

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Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Frank » 25. Jun 2015, 11:50

Das binäre Geschlechtermodell – seine Schwächen und warum es nicht akzeptabel ist es einfach ganz ab zu schaffen.
Frank Gommert

Was bedeutet binäres Geschlechtermodell?

Das binäre Geschlechtermodell basiert auf der Annahme das es nur zwei Geschlechter gibt:
Frau und Mann – nichts dazwischen oder außerhalb davon.

Diese Annahme hat sich jedoch als falsch erwiesen, es gibt Menschen die nicht in diese klare Zuordnungen „Frau oder Mann“ passen.

Wo liegen also die Schwächen dieses Geschlechtermodells?

Hier wären die offensichtlichsten, die intersexuellen Menschen bei denen es teilweise schon bei der Geburt offensichtlich ist → dieses Kind ist nicht klar zu ordenbar, es hat keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale. Obwohl sich ein Teil der intersexuellen Menschen in diesem binären System einordnen möchten, trifft dies jedoch nicht auf alle zu. Wie die Verteilung ist dürfte man am ehesten dort erfahren wo diese Menschen sich als Gruppe präsentieren und für ihre Rechte einstehen. →Intersexuelle Menschen e.V. wäre ein Ort.

Eine weitere Gruppe die nicht in das binäre Geschlechtermodell passen sind Transgender. Leider werden hier viele Gruppen mit doch recht unterschiedlichen Bedürfnissen und Motivationen zusammengefasst. Im Wesentlichen sind dies Menschen, die zwar aufgrund ihrer „Körperlichkeit“ in die binäre Verteilung „Frau oder Mann“ passen, sich aber selbst nicht so empfinden. Hier gibt es sehr viele unterschiedliche Definitionen. Wir sehen dass binär zumindest im sozialen Bereich der Geschlechter nicht ausreichend ist. Daher auch der Wunsch mancher Gruppen die Geschlechter gänzlich abzuschaffen.

Gelegentlich liest man das transsexuelle Menschen die Geschlechter abschaffen wollen. Für Transsexuelle ist eigentlich nur die Zuordnung, aufgrund der bei der Geburt offensichtlichen Geschlechtsmerkmale, dass eigentliche Problem. Sie empfinden sich selbst schon eindeutig als „Männer oder Frauen“ sind aber dem entgegengesetztem Geschlecht zugeordnet worden. Sie wünschen sich in ihrem richtigen Geschlecht anerkannt leben zu dürfen. Gäbe es die „gute Fee“ oder eine „Pille“ die ihnen die richtigen Geschlechtsmerkmale verschaffen könnte würden sie diese sofort annehmen. Da die Realität jedoch anders aussieht und nicht mal jeder die Hormontherapie machen kann, von den Genitalangleichungen die ohnehin nur ein „annäherndes Abbild“ schaffen können ganz zu schweigen, machen nicht alle Transsexuellen auch diesen Angleichungsprozeß

Warum aber wäre es nun, wo wir um die Schwächen wissen, falsch das binäre Geschlechtermodell ab zu schaffen?

Es gibt eine sehr große Gruppe von Menschen die sich mit den Geschlechterbezeichnungen Frau oder Mann eindeutig sehr wohl richtig empfinden. Es gibt in Bezug auf Kinder immer jeweils einen Menschen der „zeugend“ und einen der „gebärend“ an der Entstehung eines Kindes beteiligt ist, man nennt dies „biologische Eltern“ – auch wenn diese Menschen nicht immer diejenigen sind die diese Kinder dann auch erziehen.
Es gibt eine Gruppe – Transsexuelle – die sich genau entgegen ihrer Geburtszuweisung jedoch eindeutig als Frauen oder Männer empfinden und diesem Geschlecht (Frau oder Mann) auch soweit möglich sozial und körperlich angehören wollen.

Fazit: Eine durchaus große Gruppe Menschen – eine Mehrheit – braucht und will diese Geschlechterbezeichnungen Frau oder Mann.

Da es aber auch Menschen gibt für die diese beiden extrem entgegengesetzten Geschlechterbezeichnungen nicht passen, reicht die Binarität dabei nicht. Geht es da aber wirklich um Geschlecht oder nur um die soziale Rolle die den Geschlechtern zugeordnet ist?

Fazit: Es sind mehr wie nur diese beiden Geschlechterbezeichnungen „Frau“ und „Mann“ erforderlich um allen Menschen gerecht zu werden.

Aktuell gibt es im Zusammenhang mit Intersexuellen oft die „Behauptung“ es gäbe doch ein drittes Geschlecht. Diese Behauptung ist jedoch faktisch falsch. Korrekt ist folgendes:
§22 Absatz 3 PStG:
Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.

Was konkret bedeutet das bei intersexuelle Kindern, im Geburtenregister kein Geschlecht eingetragen wird. Dies ist ausschließlich für die Eltern die ganz klar sagen ihr Kind müsse selbst über das „richtige Geschlecht entscheiden dürfen“ ein kleiner Fortschritt – den bis November 2013 musste entweder „w“ für weiblichen Geschlechts oder „m“ für männlichen Geschlechts angegeben werden, inklusive der dafür notwendigen Operation.

Da es für die Kinder, wie auch die Eltern, schwierig ist einfach „ohne Geschlechtszugehörigkeit“ zu leben, führt dieser Absatz eher dazu dass die frühzeitige „Zuordnungsoperationen“ als „wichtig“ empfunden wird. Intersexuelle Menschen fordern jedoch ein „Verbot dieser geschlechtszuordnenden Operationen“ an Säuglingen und Kleinkindern. Zu Recht – diese sind irreversibel und führen viel zu oft zu falschen Zuordnungen und allzu oft auch zu einem lebenslangem Leiden der Betroffenen aufgrund dieser Operationen. Hier ist in jedem Fall eine andere Lösung – ein „drittes Geschlecht“ oder ähnliches – dringend Notwendig!
Da die einzigen wirklichen Experten jedoch die Betroffenen selbst sind, steht aus meiner Sicht auch nur den intersexuellen Menschen zu hier klar definierte Forderungen zu stellen, die dann jedoch auch von der Politik dementsprechend um zu setzen sind.

Auch den Transgendern – egal wie weit diese nun vielleicht im binären Geschlechtermodell orientiert sind oder sich gänzlich anders definieren – sollten hier entsprechende Möglichkeiten eingeräumt werden. Allerdings gibt es gerade aus diesen Kreisen auch Forderungen die so nicht umsetzbar sind, ohne der Mehrheit zu schaden. Dieses „Wir schaffen die Geschlechter ab“ ist keine Option. Viel Sinnvoller wäre es zu schauen was denn realistisch Sinnvoll und auch für alle Menschen angemessen wäre?
Bei einigen nordamerikanischen Urvölkern gab es 5 Geschlechter – Frauen, Frauen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, nicht in die anderen Geschlechter zuordenbare Menschen, Männer mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen und Männer. Vielleicht wäre ein ähnliches Modell ja Sinnvoll auch für Europäische Verhältnisse? Gar für unsere ganze Zivilisation?

Denn was nun mal ebenso Fakten sind:
Ein Kind hat biologisch jeweils einen „Erzeuger“ - ein Mensch der aufgrund männlicher Geschlechtsorgane zeugend beteiligt ist und eine „Gebärende“ - ein Mensch der aufgrund weiblicher Geschlechtsorgane das Kind austragen und gebären kann.
Diese Geschlechtsorgane waren lange Zeit den Geschlechtern „Mann = männliche Geschlechtsorgane“ und „Frau = weibliche Geschlechtsorgane“ zugeordnet.
Heute gibt es jedoch plötzlich „gebärende Männer“ (die jedoch weibliche Geschlechtsorgane haben) und „zeugende Frauen“ (die entsprechend männliche Geschlechtsorgane haben) – aber und das ist dann der große Knackpunkt: Es gibt Menschen deren neuronales Geschlecht nicht den vorhandenen Geschlechtsorganen entspricht.

Wie kann nun letztlich eine Lösung aussehen die sowohl den einzelnen "Minderheiten" (Transsexuelle, Intersexuelle, Transgender) als auch der "Mehrheit" gerecht wird ?
In dieser Form gestellt bildet diese Frage die Grundlage für jede angemessene Diskussion des aktuellen Geschlechtermodells und möglicher Änderungen - die ja nun wirklich Notwendig sind.

Liebe Grüße,
Frank
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Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Hera » 26. Jun 2015, 22:06

Im Grunde genommen ist es mir relativ egal wie viele "Geschlechter" es vielleicht einmal geben wird.

Bei einigen nordamerikanischen Urvölkern gab es 5 Geschlechter – Frauen, Frauen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, nicht in die anderen Geschlechter zuordenbare Menschen, Männer mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen und Männer. Vielleicht wäre ein ähnliches Modell ja Sinnvoll auch für Europäische Verhältnisse? Gar für unsere ganze Zivilisation?

Bei diesem Modell sind die körperlichen Geschlechtsmerkmale wieder sehr wichtig. Dabei geht es bei den meisten doch um das "fühlen als". Es geht um soziale Geschlechtsrollen, in denen man sich aus verschiedensten Gründen wohler fühlt als in jener, in die die Leute Kraft ihres Genitals hinein geboren (gezwungen) wurden.

Wenn man sich das hier https://allesevolution.wordpress.com/2015/05/20/blogstockchen-was-anders-ware/ einmal durchliest und auch den Links folgt, die dort hinterlegt sind, scheint es doch sehr viele Menschen zu geben, denen Rollenklischees egal sind oder die sich davon genervt fühlen.

Nun, wenn man das einmal hoch rechnet, muss es relativ viele Menschen geben, die mit den Rollen unzufrieden sind oder zumindest mit einem Teil der Rolle, man liest aber auch Aussagen wie "ich bin trotzdem glücklich eine Frau zu sein" oder ähnliche.

Aber was nun völlig irre ist: die meisten scheinen beim peer pressure (Soziale Rollen einmal aus einer anderen Sicht: http://http://www.peerpressure.de) auch noch mitzumachen, heißt, es gibt reichlich Leute, die darauf achten, dass Mädchen/Frauen sich rollen-norm-gerecht verhalten bzw. dass Jungs/Männer sich auch entspr. rollen-norm-gerecht verhalten. Man könnte diese Leute gender keeper nennen. In vielen Leuten scheint so ein gender keeper drin zu stecken.

Ich habe schon im Forum ausgeführt, wie ich empfinde und mich verhalte, wenn Ausstrahlung und Habitus für mein Empfinden nicht zum dem Rest passen wie Leute offenbar wahrgenommen werden wollen. Jedoch würde ich mir niemals anmaßen einer Person drein zu reden. Außer, die Person fragt mich nach meinem Empfinden, nach meiner ehrlichen Meinung. Aber das wäre dann eine Aufforderung dies zu tun.

So, nun haben wir also viele Menschen, die sich irgendwie eingeengt fühlen, sich aber nur selten trauen so zu sein, wie sie sind. Einige brechen aus und wählen dann das andere Extrem (Gender), kommen da aber ggf. auch nicht zurecht. Also bleibt dann nur etwas zwischen den bekannten Gendern oder etwas außerhalb.

Das schräge dabei ist: es werden oft die Extreme angenommen, wie Mann = Kerl oder Frau = (Voll-)Weib(chen). Viele Männer sind keine Kerle, viele Frauen keine (Voll-)Weib(chen).

Also was tun?

Weitere amtliche Geschlechter einführen, damit jene, die sich nicht als Mann oder Frau (welche Variante ist gemeint? Die Extremform?) "fühlen" (wie das auch immer definiert sein mag) stets sagen können, dass sie etwas Anderes als Frau oder Mann sind?

Sie müssten es dann doch wiederholt mitteilen, denn wer tätowiert sich schon sein Gender-Symbol (oder wie nennen wir es?) für alle stets sichtbar auf den Körper, damit immer jeder bescheid weiß, mit welchem Gender er es gerade zu tun hat?
Man könnte es noch auf die Spitze treiben und wir lernen zusätzliche Personalpronomen für Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau oder als beides fühlen.

Nur: wie erkennen wir diese Menschen? Eine Möglichkeit wäre, wenn jemand einen offensichtlichen männlichen Körperbau hat und feminine Kleidung trägt etc. oder umgekehrt. Hier kann man vermutlich davon ausgehen, dass diese Personen nicht als Frau oder Mann angesprochen werden will, sofern weitere amtliche Geschlechter verfügbar wären.

Was aber wäre mit jenen Menschen, die ein Verlangen nach ihrem eigenen komplett weiblichen bzw. männlichen Körper fühlen, heißt z. B. dass Geschlecht bestimmende Gehirnareale weiblich ausgebildet sind, der Körper aber komplett oder in Teilen männlich, die sich in der Übergangsphase befinden oder die vielleicht niemals das Glück haben körperlich in die diskriminierungsfreie Zone Frau oder Mann zu gelangen? Diese Menschen wollen i.d.R. eindeutig als Frau oder Mann wahrgenommen - entspr. ihrer Geschlecht bestimmenden Gehirnareale.

Und wie erkennen wir die ganzen restlichen Gender-Varianten richtig?

Was ich absolut nicht in Ordnung finde, wenn sich eine Minderheit anschickt "Geschlecht" (gemeint ist hier i.d.R. Gender) zu dekonstruieren. Warum?

Weil es zu kompliziert wäre Gender zu ergänzen (siehe vor)? Weil da dann kaum noch jemand durchsteigen würde? Weil viele darauf vielleicht gar keine Lust hätten (es sind durchaus auch immer mehr Leute von der Gender-Diskussion genervt)?

Oder ist es nur deshalb, weil diese Leute nicht die Kraft haben so zu sein wie sie sind, solange es die bekannten Gender gibt und weil es ohne Gender - vermeintlich - einfacher wäre?

Ich weiß selbst wie viel Kraft es kostet, sich immer und immer und immer wieder durchzusetzen (ich habe einen gewissen Kleidungsstil, der außer der Reihe ist), immer und immer wieder wird herum gemäkelt, was ich doch ändern soll, warum ich nicht normal herumlaufen kann, bla.
Aber es ist doch mein Ding wie ich mich kleide und verhalte. Oder nicht?
Ich laufe so herum wie ich es will und ich hoffe, dass den keepern (welche auch immer) es irgendwann langweilig wird, weil sie merken, dass sie auf Granit beißen.

Sollte es einen nicht mental stärken seinen eigenen Körper und damit sich selbst weitgehend fühlen zu können? Oder weiß man sowas nur zu schätzen, wenn man die Qual erlebt hat wie es ist seinen eigenen Körper in seinen korrekten geschlechtlichen Ausprägungen eine gewisse Zeit nicht fühlen zu können?

Warum unterwerfen sich Menschen diesen Rollenzwängen, wenn sie genervt davon sind oder sogar Schlimmeres? Wegen des Drucks durch die gender keeper?


Dann fällt mir noch die Frage ein: wie sähen denn alle weiteren Gender aus, die noch dazu kämen? Ich meine die Ausprägungen außerhalb des amtlichen Gender-Eintrags auf dem Papier?
Vielleicht schön bunt und man kann endlich alle die Dinge tun und lassen die man tun und lassen will, was man in den alten Gender zuvor niemals gewagt hätte zu tun?

Es wird immer ganz viel gefordert. Aber wer hat das schon einmal weiter durchdacht als nur bis "ich will dieses oder jenes"?


Das Geburtenregister ist wie eine heilige Kuh wurde mir gesagt. Das bedeutet, es gibt Kräfte, die den aktuellen Status vermutlich heftig verteidigen werden.
Hera
 

Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Sommerblümchen » 27. Jun 2015, 14:43

Hallo Frank,

mit Interesse habe ich deinen Beitrag gelesen. Das Interesse beginnt schon mit der Wahl der Überschrift "Geschlechtermodell". Das setzt sich fort mit der Formulierung
"Das binäre Geschlechtermodell basiert auf der Annahme das es nur zwei Geschlechter gibt"

Ich erlebe bereits seit Jahrzehnten diese Welt so, dass die Natur die Menschen in Jahrtausenden zu dem gemacht hat, wie sie es für gut, auch im Sinne von überlebensfähig hält. Der Mensch ist Säugetier; und wie sehr viele dieser Spezies dual-geschlechtlich ausgeprägt. Dies kann man als "Modell" bezeichnen, muss es aber nicht. "Schema", "Muster", "Gegebenheiten", "Vorgaben", "naturgegebene Entwicklung" sind nur einige von vielen alternativen Bezeichnungsmöglichkeiten. Insofern erübrigt sich auch die von dir gewählte Bezeichnung "Annahme".

Es ist aus meiner Sicht eben keine Annahme, dass das menschliche Geschlechts-Schema dual ist - oder binär, wie du es bezeichnest. Der offene Blick auf Vergangenheit und Gegenwart zeigt das eindeutige duale Geschlechts-Muster als Fakt für die Spezies Mensch. Die, und dies wertungsfrei so gemeint, verschwindet geringen, aber vorhandenen "Ausreiser" im Promille-Bereich der dualgeschlechtlichen Vorgaben für die Spezies Mensch - oft benannt als IS, ggf. auch echte TS - schmälern dieses natürlich sich entwickelte duale Geschlechts-Schema in keiner Weise.

Insofern ist die Ausprägung von Mann und Frau keineswegs ein Modell und ebenso wenig eine Annahme.


Eine Gruppe unter dem Dach VTSM - "Schon immer Mann, schon immer Frau" - mit fettgedrucktem TS in der Selbstbenennung tritt ein oder kämpft sogar, so meine Annahme, für die Sache von transsexuell Betroffenen. Die Auseinandersetzungen zwischen wirklich TS-Betroffenen und angeblich TS-Betroffenen (Harry Benjamin bezeichnete sie einst als echte und unechte TS) geht nun in das vierte Jahrzehnt hinein und sie nehmen nach meiner Wahrnehmung auf Seite der "unechten TS" immer obskurere Formen an. Daher begrüße ich jede Initiative, die sich als eindeutig darstellt und auch dementsprechend agiert.

Echte TS leiden so weit mir bekannt - im Gegensatz zu den unechten TS - Transgendern, CD, DWT, etc. - unter der Uneindeutigkeit; zumindest weit mehr als diese. Da wir uns hier in einem Forum für wirklich transsexuell Betroffene und Menschen mit transsexueller Vergangenheit austauschen, stelle ich mir - beim weiteren Lesen deines Beitrages die Fragen:

Wer, wenn nicht ein(e) Transsexuelle(r), so er/sie wirklich TS ist, benötigt die Unantastbarkeit der dualen Eindeutigkeit der Geschlechter??? bzw.

Wer, wenn nicht eine Frau bzw. ein Mann, so er/sie wirklich TS war, benötigt die Unantastbarkeit der dualen Eindeutigkeit der Geschlechter???

und,
wieso bezeichnest du "die Änderung des aktuellen Geschlechtermodells als wirklich notwendig"???
Sommerblümchen
 

Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Frank » 27. Jun 2015, 15:43

Liebe Hera, liebes Sommerblümchen,
ich danke euch Beiden für eure Beiträge.

Ihr habt es in wunderbarer Weise geschafft das wirkliche Problem im Zusammenhang mit "Geschlecht" und "Geschlechtsdefinition"
auf zu zeigen.

Wo Hera sich auf die "soziale Rolle", Geschlechtlichkeit und Geschlechtsausdruck in der Gesellschaft bezieht
geht Sommerblümchen auf den Aspekt der Genitalien (die ja auch für das Geburtenregister relevant sind) und der daraus resultierenden Fortpflanzung ein.

Beide Aspekte sind dabei wichtig - vor allem sie auseinander zu halten und zu schauen wo eigentlich was sich wie Auswirkt.

Leider fehlt mir gerade die Zeit, daher Morgen dann ausführlicher eine Antwort dazu.

Liebe Grüße,
Frank
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Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Sommerblümchen » 27. Jun 2015, 17:55

Hallo Frank,

danke für die Freischaltung meines Beitrages und deine kurze Info. Dazu noch einige Gedanken meinerseits:

Möglicherweise kann man meinen Beitrag so interpretieren, muss es aber nicht.

Ich gehe mit keinem Aspekt auf die Genitalien ein, sondern ich reflektiere ausschließlich auf das uns von der Geburt an Gegebene und somit auf die uns von der Natur mitgegebene unmanipulierte Biologie. Als Beispiel könnte hier der Blick in das Hirn oder auf den Haushalt der Hormone jeweils vor einer HRT gelten oder gegebenenfalls auf die Gonaden.

Kleine Anmerkung off topic:
Ein Diskurs über Varianten der Anatomie oder über die Vielfalt der Chromosomen wäre hier m.M.n. weder zielführend, noch Threadinhalt und würde den Rahmen sprengen. Zudem betreffen diese Varianten der Natur nicht primär transsexuelle sondern eher intersexuelle Menschen - was eben kein Fach-Thema von Transsexuellen ist.
Außerdem verweise ich auf meine Formulierung:
" Die, und dies wertungsfrei so gemeint, verschwindet geringen, aber vorhandenen "Ausreißer" im Promille-Bereich der dualgeschlechtlichen Vorgaben für die Spezies Mensch - oft benannt als IS, ggf. auch echte TS - schmälern dieses natürlich sich entwickelte duale Geschlechts-Schema in keiner Weise. "


Ein Mensch wird nicht durch menschliche Eingriffe alleine, z. B. durch gegengeschlechtliche Hormone in das Gegengeschlecht (das eigentlich gefühlt passende Geschlecht) dauerhaft und konsequent lebbar verbracht werden können. Das ist ein trennendes Merkmal von TV, CD, DWT & Co einerseits und TS andererseits: ernsthaft dauerhaft und wirklich konsequent im Hirngeschlecht leben zu können.

Nicht nur, aber auch, vor diesem Hintergrund - den nicht weg zu diskutierenden trennenden Merkmalen von TS und TG - sind meine zwei bzw. drei Fragen im anderen Beitrag zu sehen.
Sommerblümchen
 

Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Frank » 28. Jun 2015, 10:20

Hallo Sommerblümchen, Hera und auch alle Anderen interessierten Leser,

zuerst mal @ Sommerblümchen: indirekt erscheint dein erster Beitrag schon die Genitalien -> die ja bei der körperlichen Geschlechtsbestimmung bei der Geburt als einzige "offensichtliche" Merkmale erkennbar sind und die für die Fortpflanzung relevant sind , etwas hervor zu heben.
Verzeih wenn ich dadurch zu einer falschen Deutung gekommen bin.

Letztendlich verstehe ich dich aber aufgrund deines zweiten Beitrages so das du sagst das eben "die Mehrheit der Menschen" einfach ein klares Zugehörigkeitsempfinden zu entweder Frau oder Mann hat und mit diesem Geschlecht auch dauerhaft leben will.
Selbst bei Transgendern im "klassischen Sinn" (wie der Begriff von Virgina Prince geprägt wurde) gibt es das ja.

Was mir persönlich in Gesprächen mit Transgendern die "teil-zeit Rollenwechsel" betreiben immer wieder auffällt, ist das auch diese Menschen in den von Hera angesprochenen "sozialen Rollenbildern" feststecken und aus diesen auszubrechen versuchen.
Da liegt ganz offensichtlich der gravierende Knackpunkt:
Die sozialen Rollenbilder unserer Gesellschaft sind zu Eng, zu Starr und besonders für Männer zu einengend.
Wo Frauen dank Emanzipation deutliche "Aufweichungen der einengenden sozialen Rolle" umgesetzt haben, ist dies für Männer noch immer ein sehr heikles Thema sie dürfen ihre "Weiblichkeit" kaum bis gar nicht zeigen, ohne das sie dadurch als "unmännlich" wahrgenommen werden.
Wobei auch dies natürlich sehr unterschiedlich ist und vom Kontext des eigenen direkten Umfeldes abhängt.
Ebenso ist es auch bei den Frauen, auch hier in Deutschland gibt es Frauen die aufgrund ihres direkten Umfeldes keine Möglichkeit haben "ihre Männlichkeit" ausleben zu dürfen/können, obwohl dies deutlich weniger Umfangreich ist wie bei den Männern.
Fakt ist aber das die meisten Menschen nicht in die "klassisch engen Rollenbilder" von "Frau" und "Mann" passen, bei einem großen Teil ist das in Grenzen die gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert und toleriert werden, bei manchen geht es aber darüber hinaus. Hier kann es aber dann nicht darum gehen die "Geschlechter" die ja mehr wie nur die "soziale Rolle betreffen" ab zu schaffen, sondern die "sozialen Rollenbilder" an sich zu verändern, zu erweitern.

Der andere gravierende Aspekt des "Geschlechts" ist die "Körperlichkeit",
Genitalien, Gonaden, Hormone, Chromosomen und die Fortpflanzungsfähigkeit.
Genitalien sind bei manchen Menschen uneindeutig -> dies nennt man heute Intersexualität,
ebenso sieht es mit den Gonaden und Hormonen sowie Chromosomen Variationen aus.
Wo es bei Hormon und Chromosomen auch bei den "Binärgeschlechtlichkeiten" durchaus eine große "Bandbreite" gibt, gibt es auch in Bezug auf Intersexualität eine ebenso große "Bandbreite". Manches überschneidet sich dabei sogar und wird erst wenn mehrere Faktoren zusammenkommen in den Bereich Intersexualität gesetzt, während es für sich allein im Bereich der Binärgeschlechtlichkeit gesehen wird.
Daneben existiert aber noch ein körperlicher Aspekt der nicht so einfach ist:
das "neuronale" Geschlecht -> gemeint ist dabei die eigene "Erwartungshaltung an den Geschlechtskörper" hier ist dann ganz konkret wenn die Erwartungshaltung entgegengesetzt ist Transsexualität gemeint.
Dies ist ein Aspekt der nicht durch das "soziale Rollenbild" abgedeckt wird, sondern tatsächlich ein "körperlicher Aspekt ist".
Auch bei Intersexuellen spielt dies eine Rolle, denn wenn bei intersexuellen Säuglingen oder Kleinkindern in die "falsche binäre Richtung" eine "geschlechtszuweisende Operation" erfolgte ist auch bei diesen Menschen dieses "neuronale Geschlecht" nicht in Übereinstimmung mit den "restlichen Körpergeschlechtsmerkmalen".

John Money hatte mit einem Fall den er als "Erfolg" verkaufte -
Die Zwillingsbrüder von denen einer nach einer misslungenen Beschneidung zu einem Mädchen um-operiert wurde und wo letztendlich dieses "Um-operierte Kind" bis es davon erfuhr massivste Probleme mit der Geschlechtszuweisung hatte. Und danach die Angleichungen wie ein Transmann umsetzte.
- Bewiesen das die These das "Geschlechtszugehörigkeit an-erziehbar ist" falsch ist.
Milton Diamond hatte zu dieser Thematik ebenfalls sehr viele kritische Thesen veröffentlicht und auch dargelegt wieso Transsexualität weder an - noch ab- erziehbar ist.

Gehen wir also davon aus das dieses "neuronale Geschlecht" das eigentlich Relevante Geschlecht ist - nun dann müssen wir auch anerkennen das selbst auf diesem ein (egal wie kleiner) Prozentsatz von Menschen eine "Geschlechtlichkeit" hat die nicht zu "Frau" oder "Mann" passt, es gibt auch Menschen die "gar keine Erwartung an den Geschlechtskörper haben" oder "die einen uneindeutigen/wechselnden Geschlechtskörper Erwarten".
Für diese Menschen wäre ein sogenanntes "Drittes Geschlecht" tatsächlich notwendig, auch wenn sie nur ein Promille der Gesamtbevölkerung ausmachen sollten.

Da das "neuronale Geschlecht" aber bisher ausschließlich von den Betroffenen selbst benannt werden kann, was spricht dagegen dieses "dritte Geschlecht" auch all jenen Verfügbar zu machen die sich aufgrund der "sozialen Rolle" nicht eindeutig zuordnen wollen?

Wichtig dabei ist doch nur das jeder Mensch das Recht bekommt sich selbst zuordnen zu dürfen.

Cismenschen haben ohnehin kein Problem mit der Geburtszuordnung "Frau" oder "Mann",
Transsexuelle werden sich eindeutig in den "Kategorien" - "Frau" oder "Mann" zuordnen,
und alle die sich dann eben in das "dritte Geschlecht" einordnen stehen Gleichberechtigt neben "Frau" und "Mann" als "drittes Geschlecht".

Diese Forderung steht auch so wie ich sie Formuliert habe in keinerlei Widerspruch zur Transsexualität.
Sie geht über den Bereich der Transsexualität und auch über diese eher schwammige Begrifflichkeit "Transgender" hinaus.

Das große Problem was wir derzeit haben ist das zum einen die Forderungen:
"Schaffen wir die Geschlechter ab, da sie nicht passen"
und
"Wir brauchen die Binarität von "Frau" und "Mann"
in absolutem Gegensatz zueinander stehen und sich so widersprechen,
während es in der Tat so ist das es eine "Minderheit" gibt, die ebenfalls Respekt und Akzeptanz verdient und deren Bedürfnisse nicht der "Mehrheit" geopfert werden darf.

Wir müssen also sehen wie können wir Beides miteinander in Einklang bringen, wie kann man umsetzen das die Bedürfnisse beider "Gruppen" gleichberechtigt nebeneinander stehen können?

Liebe Grüße,
Frank
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Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Gast » 23. Feb 2016, 14:33

Ebenso ist es auch bei den Frauen, auch hier in Deutschland gibt es Frauen die aufgrund ihres direkten Umfeldes keine Möglichkeit haben "ihre Männlichkeit" ausleben zu dürfen/können, obwohl dies deutlich weniger Umfangreich ist wie bei den Männern.

Das erscheint mir jetzt aber ziemlich mysteriös; vielleicht kannst Du da bitte mal ein oder verschiedene Beispiele bringen (ich meine insbesondere zu den Frauen in D, die aufgrund ihres direkten Umfeldes keine Möglichkeit haben "ihre Männlichkeit" auszuleben; und wie könnte/sollte sich das denn Deiner Meinung nach "gestalten"?!).
Gast
 

Re: Gedanken zum binären Geschlechtermodell

Beitragvon Frank » 23. Feb 2016, 17:25

Hallo Gast,
ja gern gebe ich dir da mal ein Beispiel, zu mehr fehlt mir momentan die Zeit - sorry.

Ein islamisch erzogenes Mädchen deren Familie durchaus den westeuropäischen Lebensbedingungen in Deutschland Rechnung trägt und dem Mädchen sogar erlaubt "nur mit Kopftuch" raus zu dürfen. Dieses Mädchen hat sicher keine Möglichkeit im Familienbezug zu bleiben und trotzdem "ihre männlichkeit aus zu leben".
Dies ist das einfachste aber grundlegendste Beispiel das mir konkret einfällt und er beruht auf mehreren Erfahrungen aus den letzten 3 Jahrzehnten, da sich in diesem Bereich leider bis heute nicht wirklich etwas geändert hat.

Liebe Grüße,
Frank
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